Kristina Milz und Julia Schneidawind: Klassenfoto 1937

„Meine Klasse. Wer hat überlebt???“

Die Israelin Sara Hinde Rosenstock notierte die Frage auf Hebräisch auf der Rückseite ihres Klassenfotos. Die Frage beschäftigte sie ihr ganzes Leben lang. Von den 48 Kindern auf dem Klassenfoto der dritten Klasse haben elf nicht überlebt. Sie alle gingen in die 1924 gegründete Jüdische Volksschule in München, gleich neben der Synagoge (s. Bild). 1937 durften jüdische Kinder nicht mehr auf allgemeine Schulen gehen. Andere waren schon vorher auf die jüdische Schule gewechselt, weil sie sich den Anfeindungen in ihren Sprengelschulen nicht mehr aussetzen wollten. Auf dem Foto sind sie durchnummeriert. In dem Fall ist das keine Perfidie der Nazis, sondern der Sorgfalt des jüdischen Münchner Orientalisten Karl Süßheim zu verdanken, der die Namen und die Abbildungen der Klassenkameraden seiner Tochter auf diese Weise gerettet hat.

Das Foto, das eine der beiden Autorinnen im Zug ihrer Recherchen zur Biographie Süßheims fand, war der Ausgangspunkt der Recherche. Studentinnen und Studenten der Münchner LMU forschten nach den Schicksalen und dokumentierten die Lebenswege der Kinder und ihrer Eltern. Was sie fanden, war zunächst „ein großes Panorama an jüdischen Lebenswelten […], ein Bild, das illustriert, wie vielgestaltig und individuell das jüdische Alltagsleben in Deutschland trotz aller verbindender Traditionen und Erfahrungen gewesen ist.“ Ostjüdische Tradition, bayerische Integration, Assimilation und Abgrenzung, Armut und Wohlstand.

Kristina Milz und Julia Schneidawind konzentrierten sich dann für ihr Buch auf verschiedene Schicksale, die sich deutlich voneinander unterscheiden, berichten aber auch immer wieder von den Spuren der anderen Kinder. Anmerkungen und Literaturverzeichnis lassen ahnen, wie viele öffentliche und private Quellen (Autobiographien, Poesiealben, Briefe, Bilder, mündliche Zeitzeugnisse) für das höchst beeindruckende und erschütternde Porträt der Schulklasse verarbeitet wurden.

Die Autorinnen erzählen in drei Teilen vom Leben, vom Überleben und vom Weiterleben der Kinder. Eine Seite des Buches bleibt vollkommen schwarz. Es ist die für das fehlende Kapitel über Berta Sandbank, das Mädchen, das von so vielen ihrer Kameraden schmerzlich vermisst wurde. Der zehnjährige Paul Nußbaum hatte seine Freundin Bertel zwei Jahre nicht gesehen. Er war inzwischen an der amerikanischen Ostküste gelandet. Bertel hatte ihm in München ein Tagebuch geschenkt, in das er schrieb:

„Dieses Buch bekam ich von meiner Freundin Berta Sandbank, von der [ich] leider durch die schlimmen Zeiten nichts mehr hören kann. Im Stillen aber hoffe ich, sie wiederzusehen. Wer weiß?“

Er hoffte vergeblich. Bertel wurde zusammen mit ihrem Bruder 1942 ins „Durchgangsghetto“ Izbica in Polen deportiert. Ihre Spur verliert sich dort.

Andere wurden nach Kaunas in Litauen verschleppt und dort erschossen: „Am 25. November 1941 wurden in Kaunas eintausend Menschen aus der bayerischen Landeshauptstadt ermordet.“

Dass viele Kinder der Klasse überlebt haben, rührt daher, dass die deutschen Familien mehr Zeit hatten, sich um Auswanderungsmöglichkeiten zu kümmern als die Juden in den überfallenen Ländern. Das Buch erzählt mit vielen Details und Anekdoten vom zunehmend schwieriger werdenden Alltag der Kinder in München. Von der oft vertretenen Meinung der Eltern, schlimmer könne es ja nicht werden, von den immer wieder vergeblichen Bemühungen um Ausreisevisa, von den Verhaftungen der Väter, den Hausdurchsuchungen durch die Gestapo – und doch von einer Kindheit in München, an die sich manche Überlebenden später gern erinnern. Die Schule war ihr abgeschirmter Rückzugsort, Raum für Erfahrungen und Freundschaften.

„In der sechsten Klasse, die Hugo Holzmann 1940 besuchte, waren zu diesem Zeitpunkt nur noch 16 Kinder übriggeblieben. […] Hugo dachte später zum Beispiel noch oft an das Frühjahr 1940, als sie auf einem Fußballplatz spielten, den ältere Jugendliche von der Jüdischen Berufsschule neben dem Israelitischen Friedhof in München-Freimann errichtet hatten. Direkt daneben stand die Funkkaserne der SS. Die SS-Männer schauten den jüdischen Kindern über die Mauer hinweg beim Kicken zu, erinnerte sich Holzmann später an die absurde Szene.“

Sie entkamen mithilfe der Kindertransporte nach Großbritannien, sie wurden zu früher ausgewanderten Verwandten verschickt, überlebten im Versteck oder im Lager den Krieg oder flohen in letzter Minute mit ihren Eltern. Die Süßheims verschlug es mit ihrer Familie in die Türkei. Dort „gab es sogar ein eigenes Wort Heymatloz. Der Begriff findet sich heute in jedem türkischen Wörterbuch.“

Im dritten Teil des Buches geht es ums Weiterleben. Wie gingen die Geflüchteten mit ihren Erfahrungen um? Die Bandbreite reicht von Verdrängen und Vergessenwollen bis zum Bestreben, Zeugnis abzulegen. Mehrere der geflüchteten Kinder schrieben später ihre Biographien nieder oder hielten Zeitzeugenvorträge, um die Erinnerung wachzuhalten.

Einer der Überlebenden, Dan Golomb, legte seinen teutonischen Vornamen Siegfried so schnell wie möglich ab. Er war zu Kriegsende mehr tot als lebendig aus dem Todeszug gezogen worden, der aus dem KZ Mühldorf in Seeshaupt am Starnberger See ankam. Bei einer Gedenkveranstaltung im Jahr 1995 dort (die vielen Einwohnern gar nicht gefiel) betonte er:

„Ich weiß, Sie wollen [mit dieser Erinnerungsfeier] auf ihre Weise zum Ausdruck bringen, daß jene Ereignisse des Schreckens, jene unbeschreiblichen Brutalitäten nie wieder geschehen dürfen. […] Wir müssen Erinnerungen dieser Art wachhalten hier in Seeshaupt, wie auch in Lübeck und Hannover, in Little Rock, in Belfast, in Sarajewo.[… W]ir müssen unsere Kinder lehren, daß Völkerhass und Rassismus, nationaler Eigendünkel und Ausländerfeindlichkeit, Diskriminierung und Intoleranz keine Gültigkeit haben dürfen in unserer Welt.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ein besondere Leseempfehlung! Für alle Münchner sowieso.

Im Dezember 2026 beginnt eine Ausstellung, die diese Schicksale der Münchner Kinder zum Thema hat: „Klassenfoto“ im NS-Dokumentationszentrum München.

Bildhintergrund: 1938 zerstörte Ohel-Jakob-Synagoge (mit jüdischer Schule) in München (Wikimedia Commons)

Das Buch habe ich als Rezensionsexemplar vom C. H. Beck Verlag erhalten.

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