Wodurch fühlte sich der menschliche Geist laut Freud im Lauf der Geschichte gekränkt?
Dadurch, dass der Mensch nach der Kopernikanischen Wende nicht mehr im Mittelpunkt des Weltalls stand, zweitens dadurch, dass die Wissenschaft die Abstammung des Menschen auf die Vorfahren des Affen zurückführte, und drittens – durch Freuds eigene Entdeckung – dass das Unbewusste Teil des menschlichen Denk- und Entscheidungsprozesses ist. Die vierte Kränkung ist die des 21. Jahrhunderts: KI. Wobei der Begriff der Kränkung vielleicht zu kurz gegriffen ist: KI ist vielmehr eine Bedrohung des menschlichen Geistes – wenn die Menschheit nicht darauf reagiert.
Rüdiger Safranski warnt eindringlich:
[E]s beschleicht einen der Verdacht, dass wir womöglich gegenüber dieser Technik gar nicht mehr frei, sondern nur noch Getriebene sind.“

So wie Goethes Zauberlehrling, mit dem der Autor sein Buch beschließt. Ein Hexenmeister wäre dringend vonnöten, um die Geister, die der Lehrling rief, im Zaum zu halten, bevor sie die Menschheit überwältigen und die Welt vernichten.
Safranski fragt sich, was den menschlichen Geist im Gegensatz zur lernfähigen Maschine ausmacht und leitet seine Hypothesen aus der Philosophiegeschichte her. Man bekommt damit im ersten Teil des schmalen (108 Seiten) kurzen Buches einen Grundkurs in idealistischer Philosophie mit Einsprengseln aus der Kritischen Theorie. Das klingt zunächst abschreckend, liest sich aber sehr flüssig. Der Autor schreibt nicht für ein Fachpublikum, sondern für interessierte Zeitgenossen.
Bis vor Kurzem Zeiten hatte die Maschinenintelligenz die menschliche Geistes- und Körperkraft unterstützt, verstärkt und teilweise ersetzt. Immer weiter ist sie aber in Bereiche vorgestoßen, die dem Menschen vorbehalten schienen.
„Wir haben es mit Leistungen zu tun, für die wir früher glaubten, Bewusstsein voraussetzen zu müssen. Aber offenbar funktionieren [die lernfähigen Systeme der KI] auch ohne Bewusstsein.“
Das geschieht seit längerer Zeit in den Bereichen, wo es um regelhafte Abfolgen geht, um Algorithmen – überall in unserem Alltag. Safranski erläutert das an Beispielen aus der Wirtschaft, der Industrie, der Wissenschaft, des Alltagslebens. Neu und erschreckend ist:
„Die elementaren Kulturtechniken des Lesens und Schreibens können maschinell ersetzt werden, freilich besteht dann das Risiko der Rückbildung der entsprechenden Fähigkeiten beim Menschen. Die Kultur des Buches, dieses Medium des lebendigen Geistes, gerät in Bedrängnis.“
Ein aktueller Fall: die Diskussion um den Roman „C’était ça ou mourir“ von Thélyson Orélien, der angeblich KI-generiert worden ist.
Kann der menschliche Geist noch mit Maschinen konkurrieren?
„Die Rechenleistungen nehmen rapide zu, warum sollte nicht irgendwann ein lyrischer Treffer gelingen von der Art wie Rilke: Herr es ist Zeit …“
Die Maschinenintelligenz imitiert menschlichen Geist, wenn sie als Chatpartner oder als humanoider Roboter auftritt – ganz ohne empfindendes Ich. Von den Automaten erzählt die Literatur zwar schon im 19. Jahrhundert (Vgl. E. T. A. Hoffmann, „Der Sandmann“*). Vom „Ach, ach“ einer Olimpia lässt sich keiner mehr täuschen.

Sprachmodelle wirken heute als billiger Ersatz für menschliche Zuwendung und psychologische Betreuung. Im Film „Frau Winkler verlässt das Haus“ kümmert sich ein Roboter um die alte und hinfällige Protagonistin – eine Pseudokommunikation ohne „echtes Gegenüber“. Ian McEwan stattet seinen Androiden in „Machines like me“* (2019) mit einem Bewusstsein aus (was bisher nicht möglich ist, dazu bräuchte es neuronale Netzwerke). In Kasuo Ishiguros Roman „Klara and the Sun“* (2021) geht es um Transhumanismus einerseits und Empathie andererseits, eine der wichtigen sieben Eigenschaften des menschlichen Geistes, die Safranski für den Menschen reserviert und ihn einzigartig macht, daneben beispielsweise auch die Merkmale Spontaneität und Modalität.

„Ob der Geist mit der Erfindung der KI sich selbst aushebelt, wird sich zeigen. Er müsste aber schon von allen guten Geistern verlassen sein, sollte er in Demut vor der monströsen Karikatur seiner selbst erstarren.“
Keine neue Erkenntnis, aber aktuell und bedeutsam. In Safranskis Buch ist das philosophisch unterfüttert sehr lesenswert auf den Punkt gebracht.
Das Buch ist 2026 im Hanser Verlag erschienen.
*Bücher, die ich zu diesem Thema im Lauf der Jahre gelesen habe
Bilder im Beitrag: gemeinfrei (Wikimedia Commons)

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