Natalja Kljutscharjowa: Woher kommst du?

Tagebuch einer Geflüchteten

„Ich habe keine Heimat, aber eine Muttersprache.“

Die Schriftstellerin Natalja Kljutscharjowa ist 2023 aus Russland geflohen, nachdem sie Opfer einer Denunziation geworden ist. Die „professionelle“ Denunziantin  schickt ihr nach der Premiere ihres Theaterstücks den Paragraphen des Gesetzbuchs, gegen den sie verstoßen hat: „Propaganda des Nazismus“. Das Antikriegs-Stück wird nur einmal aufgeführt. Danach bekommt es Kljutscharjowa mit der Angst zu tun. Bekannte verschwinden, werden wegen Gedichten ins Gefängnis geworfen.

„Ich liege im Dunkeln und lausche auf schwere Schritte im Treppenhaus. Erdgeschoss, erster Stock. Ich höre auf zu atmen. Nein, vorbei. Einen Stock höher klappt eine Tür. Gut, jetzt kann ich wieder atmen.“

Dauert es bei ihr Tage, Wochen oder Monate, bis sie verhaftet wird? Ein vertrauter Mitarbeiter bei den „Behörden“ kann es ihr nicht sagen.

„Es ist, wie auf einer Mine zu sitzen. Du könntest jeden Moment in die Luft fliegen. Oder auch nie.“

Sie entschließt sich zu gehen. Letzte Spaziergänge in der Heimat, der Duft des Flieders, die gelben Busse in der Stadt, die keine Panzer sind, Erinnerungen an die Plätze der ersten Liebe, ein Apfelbaum, das Garagendach, auf dem ein Ball liegt. Die Angst vor dem Verlust der Heimat, der Selbstverständlichkeit der Muttersprache.

Sie flieht mit ihren Kindern über die Türkei. Das Geld ist so knapp, dass sie Bedenken hat, sie könne den Taxifahrer nicht bezahlen, der sie von einem Terminal zum anderen bringt. Aber dann doch Ankunft in Deutschland.

Das Schwierigste am Leben in einer Gemeinschaftsunterkunft sei, dass man sich nicht zurückziehen könne. Zum Schreiben setzt sie sich untertags, wenn niemand duscht, in eine leere Duschkabine. Auf ihren Spaziergängen in Landshut, der Stadt, in der sie jetzt lebt, sammelt sie deutsche Wörter am Straßenrand, „Freiheit“ zum Beispiel auf einer Mülltonne: „Freiheit für Ultras“. Ein neues Lieblingswort wird „Vogel“.

Die Menschen sind fremd, undurchschaubar. Sie kann ihr Lächeln, ihre Gesten nicht deuten. Sie liest und schaut Nachrichten aus Russland und aus der Ukraine. Gefragt, wo sie herkommt, zögert sie: „[N]icht aus der Ukraine“, sagt sie, wenn ukrainische Frauen in der Nähe sind, oder: „Meine Muttersprache ist Russisch.“ Die Scham, aus Russland zu kommen, ist verbreitet unter den Geflüchteten. Ihre Kinder behaupten in der Schule, aus Kiew zu sein, um nicht angefeindet zu werden.

Ein schmerzvoller Rückblick, ein schwieriger Beginn im Land ihres Exils. Kljutscharjowa erzählt in kurzen Schlaglichtern, Geschichten und Gedichten von ihren Träumen, ihren Erfahrungen, den Menschen, denen sie begegnet. Von den Daheimgebliebenen und denen im Gefängnis. Von der Macht und der Ohnmacht. Immer wieder zitiert sie die russischen Schriftsteller, die ihr so nah sind. Auf dem Burgberg vor der Burg Trausnitz sitzend zitiert sie Walter von der Vogelweide, der hier vor den Herzögen einst sang: „Gewalt geht auf Beute, Gerechtigkeit und Fried ist wund.“

Die Sprache ist ihr Ausdrucksmittel. Das, was sie nicht verloren hat. Sie hat Angst, im Exil ihre Ausdruckskraft zu verlieren. Weinen kann sie nur mehr im Traum. Ihr Tagebuch ist das Dokument ihrer Trauer und Verunsicherung. Immerhin fühlt sie sich hier sicher und immerhin haben die Sukkulenten, die sie im Landshuter Supermarkt aufgelesen hat, auf ihrem Fensterbrett Wurzeln geschlagen.

Aus dem Russischen übersetzt von Ganna-Maria Braungardt.

Erschienen 2026 in der edition suhrkamp.

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