Ian Rankin: The Heights

London, nicht Edinburgh diesmal. Die Rebus-Stories sind Geschichte. Reichtum und Armut sind in der internationalen Metropole noch deutlicher zu sehen als im schottischen Norden.

Off-Shore gehamsterte Gelder sind in Immobiliengeschäften gewaschen worden und müssen sich rentieren. Sonst bekommt man als Entwickler und Verwalter Ärger von den halbseidenen Investoren.

In einem dieser Wohntürme der Superreichen ist ein Nacht-Concierge ums Leben gekommen. Man ist besorgt, nervös. Viel zu viel Medienrummel. Nicht gut fürs Geschäft, finden die „residents“ und der Immobilienentwickler, der ganz oben hinter den abgedunkelten Scheiben wohnt, und fürchtet, seine noch leer stehenden Wohnungen nicht verkaufen zu können. Unter ihm die Suiten (die nicht „flats“ genannt werden dürfen), das Spa, das Schwimmbad mit Olympiamaßen, das Kino. Natürlich sind die illustren Bewohner und Besucher verdächtig: der russische Oligarch, der nicht irgendwann aus dem Fenster fällt (einziger Spoiler 😉), der jugendliche Pop-Star inklusive raffgierigem Manager, die abgehalfterte Schauspielerin, eine flippige junge Frau aus Mosambik, von Beruf Tochter, Halbweltfiguren mit ihren muskelbepackten Bodyguards, der Unternehmer, der während der Pandemie viel Geld mit Masken verdient hat … Viel Personal, bei dem mir manchmal kurz der Überblick verloren ging.

Die Dienststelle in der Marylebone Road Ist zuständig. Der Ermittler heißt nicht mehr John Rebus, sondern Jack Milton. Er trinkt nicht wie Rebus, sondern ernährt sich von Schokoriegeln und Kaffee. Aber alt ist er auch, kurz vor der Pensionierung.  Und einen Intimfeind wie Rebus hat er auch. Der muss nebenbei irgendwie zur Strecke gebracht werden. Und ähnlich wie in den schottischen Krimis gibt es auch hier eine jüngere, aufstrebende Kraft, die das Zeug zu seiner Nachfolgerin hat, Gillian Gish (statt Siobhan Clarke). Wohnhaft in einer Nachbarschaft in Tottenham, der die Gentrifizierung kurz bevorsteht. Der unmittelbare Vorgesetzte der beiden spielt glücklicherweise nicht die Rolle des Ekels, die deutsche Fernsehkrimis für diese Position anscheinend vorschreiben. Beide Ermittler haben ein Privatleben, Gish eine demente Mutter, deren Betreuung sie mit ihrem Job zu vereinbaren sucht.

Kein Rebus, keine Siobhan. Aber die gewohnte überzeugende Charakterzeichnung, die gewohnt ironischen Dialoge und die plastische Darstellung einer gespaltenen Gesellschaft.

Ich habe die 330 Seiten fast am Stück gelesen und Rebus und Clarke (siehe Bild) nur ein bisschen vermisst.

Fun fact: Ich habe gelernt, dass im Englischen der Ausdruck „What gives?“ existiert.

2026 bei Orion erschienen. Noch nicht ins Deutsche übersetzt.

Bildhintergrund: Foto von Laura Chouette auf Unsplash (Ausschnitt)

3 Antworten

  1. Avatar von Stefan Heidsiek

    Oh, vielen Dank für diese Rezension! Als großer Ian-Rankin-Fan – mein Blog ist ursprünglich ihm zu Ehren und als Hommage an Edinburgh entstanden – freue ich mich darüber besonders.

    Mein Exemplar von „The Heights“ liegt samt Widmung von Ian noch in Edinburgh bei einem guten Freund (der wiederum mit Ian direkt befreundet ist) und wird beim nächsten Vorortbesuch dann mit nach Deutschland genommen. :-) Und ich freue mich jetzt natürlich noch mehr auf die Lektüre.

    Ich bin übrigens seit längerem dabei, mir Rankins Werk nochmal chronologisch vorzunehmen. Falls es Dich interessiert: Am kommenden Sonntag steht da in der Crimealley wieder ne Besprechung an.

    LG aus der kriminellen Gasse

    Stefan

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    1. Avatar von Johanna Berger

      Danke! Ich freue mich für dich!

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      1. Avatar von Stefan Heidsiek

        Und ich freue mich einen weiteren Rankin-Freund kennengelernt zu haben. ;-) Bedanke mich auch fürs Abo!

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