Was für ein Brocken ist dieser Roman!
„Dreiundfünfzig Wimpernschläge“ und ein Film, der das ganze 19. Jahrhundert abbildet. Auf 576 eng bedruckten Seiten.
„Der Atem des neunzehnten Jahrhunderts setzt hier an, bei der Großen Französischen Revolution von 1789. Und hört 1914 auf.“
Ein Zug fährt durch das 19. Jahrhundert und hält immer wieder an denselben Stationen, nimmt oft ein paar neue Passagiere auf, lässt andere aussteigen.
Drei Personen fahren allerdings immer mit: die französische Schriftstellerin George Sand, die berühmte, hierzulande kaum bekannte böhmische Autorin Božena Němcová und der amerikanische Milliardär J. D. Rockefeller. Radka Denemarková hat sich diese drei Figuren ausgesucht, um zu erzählen, wie die Welt so geworden ist, wie sie ist. Die drei Leben haben mit ihrer und unserer Welt etwas zu tun.
„In Wien gibt es auch Köchinnen und Küchenhelferinnen und Wäscherinnen, Kammerzofen, Knechte und Stallburschen. Dort gehören die Tschechen auch hin, rufen die Wiener Patrioten. Im einundzwanzigsten Jahrhundert werden die Tschechen den Ukrainern ähnliche Karrieren ermöglichen, genau wie die Engländer den Polen, die Schweizer den Tschechen, die Araber in Katar den Malaysiern, die …“

Mit der Figur Rockefellers zeigt sie, was Gier und Kapitalismus angerichtet haben.
Mit George Sand fragt sie sich, was es bedeutet hat, als (begüterte) Schriftstellerin im 19. Jahrhundert zu leben, und erzählt von dem ganz ungewöhnlichen, steinigen Weg von deren Selbstbefreiung.

Und mit der Figur ihrer Landsfrau Božena Němcová klagt sie über die vergebenen Möglichkeiten eines unabhängig gestalteten Lebens und die Verhinderung großer Literatur. Man hat ihr die deutsche Muttersprache ausgetrieben und Emanzipation nicht erlaubt. Sie durfte nur als Märchenerzählerin in die tschechische Literatur eingehen.

Der Nationalismus und das Patriarchat in Gestalt ihres Ehemanns haben gewirkt – so Denemarková. Noch heute darf sie einen tschechischen Geldschein zieren.
Hierzulande kennt man Němcová höchstens noch als Verfasserin der Vorlage für den Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.
Daneben fahren zeitweise folgende Personen mit: George Eliot, Emily Dickinson, Ida Tarbell, Charlotte Brontë, Johanna Spyri, Gertrude Stein, Liebhaber und Ehemänner, Politiker, Musiker und Dichter.
Was kann die Gattung Roman aushalten, fragt Denemarková sich. Ganz schön viel , wenn man in „Schokoladenblut“ badet: realistische Erzählung, Geschichtswerk, feministisches Pamphlet, Essay, zeitgenössischer Seitenblick von gestern auf heute. In der nachgestellten „Anmerkung der Autorin“ erklärt Denemarková:
„Es geht hier nicht um eine faktographische Aufbereitung. Es geht hier um einen Blick auf den Menschen. Es ist ein Roman der Themen, kein Roman der Daten und Namen. Ein Roman gegen Konventionen und gegen die, die an der Macht sind und sich vor Freiheit fürchten.“
Die Metapher des Schokoladenbluts steht für das Monatsblut der Frauen, die Tinte der Schriftstellerinnen und vor allem für das Erdöl, das den „Zug“ des 19. Jahrhundert antreibt.
Mit diesem braunen Stoff wird Rockefeller reich, richtet sich in seiner Gier die Welt ein, so wie er sie braucht, schaltet Konkurrenten und staatlichen Vorgaben aus, belastet sein Gewissen nicht mit moralischen Folgen seines Wirkens. Das Abbild einer bigotten, engherzigen, genussabgewandten Erziehung im Geiste der protestantischen Ethik. Denemarková erzählt das in plastischen Details – vielleicht zu karikaturenhaft. Man möchte dem Herrn jedenfalls nicht begegnet sein, als Untergebener im schlecht gebügelten Oberhemd schon gar nicht.
Das Bild von George Sand ist feiner gezeichnet. Ihr Freigeist stört die Gesellschaft zwar, aber Sand kann ihr Leben dank ihrer Herkunft viel unabhängiger gestalten als Božena Němcová, die kein Zimmer für sich allein hat, um zu schreiben. Sand hat ganze Schlösser und das „Safrangefühl, das seltene Gefühl der eigenen Kostbarkeit“. Němcová kann so etwas nicht entwickeln. Szenen wie die der Hochzeitsnacht sind bezeichnend:
„Herr Josef Němec nimmt schweigend den Mantel ab und knöpft das Hemd auf; Barbora Panklová [ihr Name vor der Heirat] wartet auf seine zarten Berührungen. Herr Josef Němec wirft ihr einen strengen Blick zu und bedeutet ihr, auch sie solle sich freimachen. […] Barbora Panklová kreuzt die Arme vor der kindlichen Brust, blickt ihm wütend in die Augen und rührt sich nicht. Herr Josef Němec packt sie am Handgelenk, dreht ihr den Arm nach hinten, drückt einen Kuss auf die verschlossenen Lippen. Barbora Panklová erstarrt.“
Wahrlich kein „Safran-Mann“. So nennt Denemarková die Männer, die den Frauen beistehen und ihre Unabhängigkeit fördern. George Henry Lewes, der Ehemann von George Eliot zum Beispiel.
Denemarkovás Bilder können bezaubern oder verblüffend weit hergeholt erscheinen. Ihre Erzählkunst ist bewundernswert weitblickend, treffend und bitterböse, mitfühlend und ironisch, manchmal aber auch arg belehrend. Viele Sätze wirken zuweilen sentenzenhaft gestelzt. An die gewollten Wiederholungen und den stetigen Refrain „Tsu tsu tsu, so zuckelt der Zug“ muss man sich gewöhnen.
Der Roman ist ohne Zweifel eine intensive Leseerfahrung. In Stationen zu genießen.
Aus dem Tschechischen übersetzt von Eva Profousová. 2026 bei Hoffmann und Campe erschienen.

Mit ihrer Rede zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 2026 (Text hier) hat sie für Aufsehen gesorgt.
Fun fact: Ich weiß jetzt, das das französische Croissant vom Wiener Kipferl abstammt. Das böhmische Dienstmädchen von George Sand fand in Paris eine Wiener Bäckerei, erkannte den Geschmack ihrer Heimat, servierte ihrer Herrschaft das buttrige Gebäck aus eigener Herstellung. Die war hingerissen und aß zum Frühstück nichts anderes mehr. (Falls nicht wahr, dann von Denemarková schön erfunden.)
Hintergrund im Beitragsbild (Ausschnitt): Bert Berger
Bild der Autorin: Lesung im Literaturhaus Wien (Livestream)
Bilder der Roman-Figuren: Wikimedia Commons

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