Joseph Roth: Zwei Klassiker

Lektüre für eine schlaflose Nacht.

Zur Wolfsstunde aus dem heimischen Bücherschrank geholt: Joseph Roths vorletzten Roman „Die Kapuzinergruft“ (1938).

Wieder ist das – wie im „Radetzkymarsch“ (1932) ein wehmütiger Abschied von der k. und k. Monarchie. Die Handlung umspannt die Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg bis zum „Anschluss“ Österreichs 1938. Franz Ferdinand Trotta ist ein nicht-geadelter, aber vermögender Verwandter des „Helden von Solferino“. Er verbringt seine Tage vorwiegend mit Nichtstun und in Gesellschaft von Militärkameraden im Kaffeehaus. Das Studium der Rechtswissenschaften hat er nur zum Schein aufgenommen. 1914 wird er eingezogen, gerät in der Ukraine in russische Gefangenschaft, wird nach Sibirien verschleppt und kann sich mit viel Hilfe 1918 nach Wien zurückkämpfen. Geldnot lässt die Familie verarmen. Die kurz vor dem Krieg geschlossene Ehe scheitert. Rückblickend erzählt er von der Herkunft seiner Familie aus Slowenien, von der Freundschaft zu seinem slowenischen Vetter, dem Bauern und Maroniverkäufer Joseph Branco und zu dem galizischen Fiaker Manes Reisinger. Er porträtiert die Wiener Gesellschaft nach dem Krieg treffend in wenigen Figuren und beklagt den Untergang des habsburgischen Europa mit leiser Melancholie – Joseph Roth eben.

Dazu eine kleine Bildergeschichte in Zitaten:

“Ich spreche vom mißverstandenen und auch mißbrauchten Geist der alten Monarchie, der da bewirkte, daß ich in Zlotogrod ebenso zu Hause war wie in Sipolje, wie in Wien. Das einzige Kaffeehaus in Zlotogrod, das Café Habsburg, gelegen im Parterre des Hotels `Zum Goldenen Bären’, indem ich abgestiegen war, sah nicht anders aus als das Café Wimmerl in der Josefstadt, wo ich gewohnt war, mich mit meinen Freunden am Nachmittag zu treffen.”

„Es begann zu regnen. Es war ein Donnerstag. Am nächsten Tag, Freitag also, klebte die Botschaft schon an allen Straßenecken. Es war das Manifest unseres alten Kaisers Franz Joseph, und es hieß: ‘An Meine Völker!’”

“’Jetzt ist Krieg, Mama,’ antwortete ich, ‘und ich bin gekommen, um Abschied von dir zu nehmen.’ […]

’Komm zu Mittag, Bub’, sagte sie, als ob gar nichts sonst in der Welt los wäre und wie sie es immer schon ähnlich gesagt hatte, ‘wir haben heut Schnitzel und Zwetschkenknödel zu Mittag.’”

„Die russische Armee verfolgte uns. Wir zogen uns bis Krasne-Busk zurück. Wahrscheinlich in Folge eines nicht rechtzeitig eingetroffenen Befehle blieben wir länger dort, als es in der Absicht der Zweiten Armee gelegen war. Also überfielen uns eines frühen Morgens die Russen.”

“’Dies ist nur ein Maronibrater’, sagte Chojnicki, ‘ aber sehn Sie her: es ist ein geradezu symbolischer Beruf. Symbolisch für die alte Monarchie. Dieser Herr hat seine Kastanien überall verkauft, in der halben europäischen Welt, kann man sagen. Überall, wo immer man seine gebratenen Maroni gegessen hat, war Österreich, regierte Franz Joseph. Jetzt gibt’s keine Maroni mehr ohne Visum. Welch eine Welt!’”

“Allein blieb ich, allein, allein, allein.

Ich ging in die Kapuzinergruft.”

**********************************************************************

Schon vor längerer Zeit aus dem Bücherschrank gezogen, begeistert gelesen: „Radetzkymarsch“ – die Geschichte des Untergangs der Donaumonarchie.

Parallel geführt, oft vielfältig verschlungen und symbolisch aufgeladen die Geschichte der männlichen Mitglieder der Familie Trotta. Im Mittelpunkt zwei Gemälde. Das des Helden von Solferino, der dem Kaiser das Leben rettete, und das des Kaisers Franz Joseph, tausendfach in Amtsstuben, Wirtshäusern und Kammern der Untertanen. Meisterlich.

Im Folgenden auch dazu eine Bildergeschichte in Zitaten (Bilder anklickbar):

Ein Kommentar

  1. Avatar von Michael Daxner
    Michael Daxner

    Das sind wirklich gute und wichtige Texte – und sie zeigen eine Zeit, die untergangen ist und nicht mehr existiert…

Schreibe einen Kommentar