Im Museumsshop des Leopold Museums in Wien konnte ich nicht widerstehen. Auf dem Cover des kleinen Bandes aus der Reihe „blue notes“ von ebersbach & simon ist eine Fotografie aus dem legendären Salon der Madame d’Ora (Dora Kallmus) abgebildet. Eine mondäne Dame im blauen Samt, lässig, vielleicht gelangweilt, leicht amüsiert an einem Podest lehnend. Jedenfalls ein sehr schönes Motiv und so typisch für die Zeit, in der es entstand. Ich mag die Wiener Moderne sehr und habe ich mir gerade auch eine Ausstellung in der Albertina Modern zum Thema Tanz (und Fotografie) angeschaut, in der das Fotoatelier der Madame d’Ora eine große Rolle spielt.


Fotografien aus der Ausstellung „Tanzbild“ in der Albertina Modern (2026)
Sie fotografierte die Tänzerinnen, die den Tanz Anfang des 20. Jahrhunderts revolutionierten. Ihr und anderen Fotografinnen (etwa Trude Fleischmann) ist eines der Kapitel in dem Band „Wiener Melange – Frauen zwischen Salon und Kaffeehaus“ von Heike Herrberg und Heidi Wagner gewidmet. Ein schöner kleiner Überblick über das, was Frauen trotz teilweise widrigster Umstände für die Moderne in Wien geleistet haben. Es geht um die Reformpädagogik, die Tanzrevolution, die Fotografie, das Kaffeehaus, die Literatur, den Journalismus und die Bühne. Um die Salons von Berta Zuckerkandl, Alma Mahler und Eugenie Schwarzwald. Um alles, was das Leben reicher macht. Viel, viel Neues, Unerhörtes, Unbequemes.
In den Zwanzigerjahren schreckte man nicht einmal davor zurück, Steuern zweckgebunden zu erheben: „Die Betriebskosten der Kinderspitäler decken die Steuern aus den Fußballspielen, die Betriebskosten der Schulzahnkliniken liefern die vier größten Wiener Konditoreien …“. Kaum durchzuhalten, leider. Wäre ja vielleicht schön gewesen.
Nach dem Ersten Weltkrieg war Österreich auf einen Rest zusammengeschmolzen. Nicht allen gefiel, was sie auf den Straßen sahen. Aber die großbürgerliche Salonière Zuckerkandl wusste dagegenzuhalten: „Auf den Tramways, in den Geschäften, in den Kaffeehäusern, hört man jetzt klagen, daß Menschen sich herumdrängen, die gegen die Sitten unserer Stadt verstoßen. … Also die Wiener verlangen wohlerzogene Flüchtlinge. Ich weiß nicht, ob es das überhaupt gibt. Und ob gerade der Wiener, der, wenn er auf Lustreisen, von internationalem Komfort umgeben, tief verstimmt sein Rindfleisch und seine Virginier vermisst, ein überaus netter Flüchtling wäre.“
Zitate wie diese machten das schmale Bändchen (138 Seiten) aus dem Jahr 2014 trotz der Kürze für mich zu einem Lesegewinn, auch wenn ich die Umrisse der Geschichte und viele der Protagonistinnen kenne. Beispielweise aus dem Buch von Kris Lauwerys „Vom Licht in die Dunkelheit“ über Emilie Flöge, Milena Jesenská und Veza Canetti (Besprechung hier) oder aus dem umfassenden Band „Stadt der Ideen“ von Richard Cockett (Zitate unten aus dem Buch von Cockett) über den intellektuellen Einfluss Wiens auf Entwicklungen des 20. Jahrhunderts.
Eine Gesamtschau wird von den Autorinnen nicht angestrebt. Sie werfen kurze Blicke auf eine faszinierende Epoche zwischen Opulenz, tiefster Armut und Aufsehen erregenden Neuanfängen. Mit vielen Bildern und einem knappen Literaturverzeichnis.
Lektüre für kleine Pausen bei einer Melange im Kaffeehaus.
Im legendären Café Herrenhof sammelte die Journalistin und Schriftstellerin Hilde Spiel ihre Beobachtungen:
„Junge Mädchen kamen eines Tages zum ersten Mal ins Café und betraten es danach Abend für Abend, bis ihre Stirnen sich zu furchen begannen und ihre Finger braun wurden vom Nikotin. Neuvermählte Paare erscheinen strahlend, um sich Monate später bereits an verschiedenen Tischen niederzulassen. Junge Männer, die sechs Stunden über einem Kapuziner gesessen und ein Heft nach dem anderen vollgeschrieben hatten, kündigten plötzlich die Annahme ihres Manuskriptes durch eine Bestellung von zwei Eiern im Glas mit einem Butterbrot an.“
Auf dem Blogbild oben auch zu sehen: „Das Buch ohne Titel“ von Lina Loos (1882-1950). Sie ist eine der Protagonistinnen in der „Wiener Melange“, war Diseuse, Rezitatorin, Schauspielerin, Journalistin, Schriftstellerin. Ihre Sammlung von Feuilletons und Geschichten wurde 2024 neu aufgelegt – nicht zu Unrecht.







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