Ein Immobilienroman.
Die Geschichte über ein Haus am See in Vogelsang, Ostdeutschland. Für Makler ein sogenanntes „besonderes Objekt“, eben in „Alleinruhelage„.
Es ist Erinnerungsort, Ansprechpartner. Es birgt Konfliktpotenzial.
„Nun, da ich mein geliebtes Haus verkaufen und verlassen werde, muss ich mir eingestehen, dass ich nie mehr wissen wollte, niemals tiefer bohren. Ich war ein fauler Specht. Wir waren hierhergekommen auf der Suche nach einem ortlosen, überzeitlichen Paradies, einem, das sogar wir uns leisten konnten. […] Hatten wir wirklich geglaubt, dass wir das unbeschriebene Paradies kriegen konnten? Dass wir verschont bleiben würden von den Dramen, über deren Spuren man hier buchstäblich auf Schritt und Tritt stolperte?“
Ein Abschied und ein Aufbruch und ganz viel dazwischen. Leichtfüßig. Ein bisschen wehmütig, oft humorvoll, manchmal böse. Ein erfrischendes Buch, ganz nach meinem Geschmack. Lektüre für Nachmittage am See, im Schatten von Bäumen, in „Alleinruhelage“. Ein Wort, das nach Aussage von Eva Menasse in österreichischen Immobilienanzeigen verwendet wird.
Hier bezeichnet es das Haus auf dem Land, das die Erzählerin und ihr Mann für den Abstand zur Großstadt kaufen. Es überlebt die Ehe. Kinder werden groß, Freunde kommen und feiern, eine neue Liebe erwacht und versiegt. Zu DDR-Zeiten war es ein kleines Gasthaus, in alten Plänen ist das immer noch so verzeichnet. Wanderer kommen deshalb und fragen nach Wegzehrung, werden verköstigt oder weitergeschickt. Das Schild der ehemaligen „Waldschänke“ bleibt, denn dahinter wohnen Fledermäuse, die ihre Heimstatt nicht verlieren sollen. Anderes wird renoviert, saniert. Eine moldawische Baufrau und ein polnischer Frührentner erweisen sich als unentbehrlich. Die sind fast ein bisschen klischeehaft gezeichnet, aber wahrscheinlich gibt es solche Menschen, eigenwillig, patent und hilfreich zur Stelle, wenn man sie braucht. Auch zur Vertreibung von kleinbürgerlichen „Datschisten“, die nicht weit entfernt in einer Siedlung wohnen. Sie werden von der Erzählerin nach den bekannten Filmen die Sch’tis genannt und achten darauf, dass kein Gast der Erzählerin falsch parkt. Der Waldparkplatz gehört schließlich dem Verein.
„‘Sie dürfen hier nicht parken‘, schrie die Sch’ti Phil an, der dabei war, das komplizierte Manöver zu unternehmen, im Rückwärtsgang mit seiner Anhängerkupplung den Anhänger zu treffen. ‚Ich parke doch nicht‘, sagte Phil und strich sich die langen weißen Hippiehaare aus dem Gesicht […]. ‚Sie dürfen nicht … die Frau darf auch nicht, sie darf hier nicht parken, sie hat nur Wegerecht, aber sie parkt, die Frau, sagen Sie der Frau …“ […] Meine Liste der Verfehlungen aus einundzwanzig Jahren: Zu oft gegrüßt, zu oft gelacht. Zu sehr dazugehören wollen.“
Zwei Anläufe braucht sie, bis sie imstande ist, das Haus zu verkaufen, mit dem sie so viele Erinnerungen verbinden. Die Kämpfe mit der uralten Wasserpumpe, dem Rasen und den Wühlmäusen. Kindheitserinnerungen werden assoziativ eingestreut (mit Figuren, die man bereits aus ihrem Roman „Vienna“ [2005] kennt), Familiengeschichten aufgeweckt. Beim Aufräumen findet sie die Dinge ihrer Vergangenheit im Haus: Reste eines Planschbeckens, Sandspielzeug, eine alte Männerunterhose, die schnell vor dem Immobilienagenten versteckt wird.
Der Roman ist Zwiesprache mit dem Haus, Innenschau. Er zeigt gleichzeitig die Auseinandersetzung mit der Außenwelt, der unübersehbaren Zeitgeschichte ringsum. Die Umweltverseuchung des Sees, die Bürokratie bei der Umwidmung des Gasthauses in ein Wohnhaus, den Ausverkauf des Ostens, die Heuschrecken aus dem Westen. Der Senioren-Beau erweist sich als ehemaliger Stasi-Mitarbeiter. Im Boden rund um das Haus stößt die Erzählerin auf Fundamente von Baracken aus dem letzten Kriegsjahr.
Es geht noch unheimlicher. Bei einem Spaziergang kommt sie einem Stacheldrahtzaun zu nah, Wachhunde rasen auf sie zu. Der Zaun gehört zu einem riesigen Gelände, mittendrin ein Bungalow, am Tor das Schild: „Militärischer Sicherheitsbereich! Vorsicht Schusswaffengebrauch! Der Kommandant.“ Die Reaktion der Alteingesessenen: „‘Ach, der‘, sagten sie, ‚hat halt det alte Schild dranjelassen.‘“ Man kann auch anderswo spazieren gehen, lautet der Ratschlag.
Eva Menasses Roman ist eine manchmal ruhig dahinfließende, manchmal auch dahinhüpfende, vor- und zurückspringende Erzählung oft mit mündlichem Sprachgestus, gegen allzu viele Nostalgiegefühle für die „Alleinruhelage“, die nicht allein und zuweilen auch nicht ruhig ist.
Im Brief an die Buchhändlerinnen und Buchhändler, der der Erzählung (jedenfalls im Leseexemplar) vorangestellt ist, betont Menasse, sie habe keine Autobiographie geschrieben:
„Die Erzählerin, die als Österreicherin zwischen all den erbittert verteidigten Ossi- und Wessi-Stühlen sitzt, ähnelt mir vermutlich in manchem. Aber das bin dennoch nicht ich, vergessen Sie’s.“
Fiktion ist häufig ein Amalgam aus Selbsterlebtem, von Gelesenem, Gehörten, Erfundenem. So ähnlich wie in „Vienna“.
„Diesmal kehrte ich zu Margaret Atwoods ‚Moralische Unordnung‘ zurück. Dessen Mischung aus Erfundenem und Erlebtem, aus Szene, Reflexion und zugespitztem Dialog, aus Kindheitserinnerungen und Erwachsenenkonflikten hat mich jedesmal verzaubert – sehr Verschiedenes fließt so organisch ineinander, treibt auseinander hervor.“
Den Roman habe ich als Wunschbuch bei www.vorablesen.de eingelöst und sehr gern gelesen. Ab 13. August 2026 bei Kiepenheuer & Witsch.
Umschlagmotiv und Bildhintergrund: Walter Leistikow, Abendstimmung am Schlachtensee (1895), Öl auf Leinwand (Wikimedia Commons)
Nach dem verlassenen Paradies hier entlang zu verlorenen Paradiesen!
P. S. Mäanderndes Erzählen gibt es auch in einem anderen Text, an den ich mich nach der Lektüre von Menasses Roman erinnert habe: „Juninachmittag“ (entstanden 1965) von Christa Wolf (mit Sicherheit auch mit autobiographischen Bezügen, auch melancholisch, das Private im Hintergrund mit dem Politischen verbindend, ebenso mit scheinbar banalem Familienalltag, einer feingesponnenen Atmosphäre, aber einer ganz anderen Stilistik). Die kleine Erzählung ist in diversen Anthologien enthalten. Gelesen habe ich sie in Manfred Behns Anthologie „Geschichten aus der Geschichte der DDR 1949-1979″. Darmstadt, 1981.

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