„Nein, nein, ein Roman, das klinge so hochtrabend“, lässt Rainer Moritz seinen Protagonisten, den Kunsthistoriker Rodney Rosenfeld stottern, als er im Pariser Musée Marmottan gefragt wird, ob er sich von der Wissenschaft abwenden wolle. Zurzeit wollten ja so viele eine Art Wiedergutmachung an einer von Männern diskriminierten Künstlerin leisten.
Nein, nein, zumindest offiziell ist Rodney in wissenschaftlicher Mission in Paris. Er will über die Aquarelltechniken der Impressionistin forschen. Dafür hat er von seiner Universität in Chicago ein Stipendium erhalten. Aber eigentlich hat er sich in die Künstlerin verliebt und vertieft sich viel lieber als in ihre Aquarelle in ihre Lebensgeschichte, ihre Briefe, ihre Familie und ihre Freundschaften. Also doch ein Roman!
Moritz schreibt einen Roman über einen Kunsthistoriker, der einen Roman über Berthe Morisot schreiben möchte. Rodney spaziert über den Trocadéro, besucht auf dem Friedhof in Passy Berthe Morisots Grab, wo sie nur als Witwe von Eugène Manet verzeichnet ist, nicht als Malerin. Unter seinen Kollegen wird er belächelt, weil er sich immer noch mit dem Impressionismus befasst:
„Zu populär, zu zugänglich, zu marktgängig, zu weit von dem entfernt, was man Moderne nannte und eine Zeit lang für den Nabel der Welt hielt. Karriere ließ sich damit keine mehr machen.“
Ein verschrobener Wissenschaftler ist er also, andererseits eigenwillig wie Morisot. Gegenüber seinen Pariser Gastgebern betont er zwar immer wieder, er schreibe keine Biographie von Morisot. Aber im Grunde tut er nichts anderes – und Rainer Moritz auch.
Der nimmt sich dafür alle Freiheiten eines Romanciers, vermischt Fakten und Fiktion und entwirft ein Künstlerinnenleben, wie es gewesen sein könnte. Dafür teilt er seinen Text in zwei Hälften. Er lässt Rodney durch Paris und Fécamp (Urlaubsort der Manets in der Normandie) streifen und nähert sich so seiner großen Liebe.

Zwischengeschaltet sind jeweils die Kapitel, in denen er die kranke Berthe Morisot über ihr Leben räsonieren lässt – jedenfalls so, wie Rodney sich das vorstellt: von der folgenschweren Begegnung mit Manet im Louvre,


von den Schwierigkeiten, die Morisot als Malerin mit den männlichen Kritikern hatte, ihrer Liebe zu ihrer ähnlich begabten Schwester

und ihrer Tochter bis zu der Bedeutung, die die Malerei für sie hatte.



„Warum sie ihr Leben nicht aufschreibe, ist sie in den letzten Jahren immer wieder gefragt worden. Ein Vorschlag, der ihr anmaßend vorkommt. Ihre Bilder sprechen für sich.“
Moritz erzählt die Geschichten hinter den Bildern in bunten (impressionistischen) Farben. Und man würde das Buch gerne in einem Zug lesen, wenn der Autor das nicht verhinderte. Er lässt Morisots Malerei so zentral in seine Erzählung einfließen, dass man als Leserin gar nicht anders kann, als die Lektüre dauernd zu unterbrechen, um im Internet wieder ein Bild Morisots zu betrachten.
Kein schlechtes Zeugnis für ein Buch, finde ich.
Das Buch habe ich als Rezensionsexemplar vom Oktopus Verlag (bei Kampa) erhalten.
Alle Bilder: Wikimedia Commons
Zu einer anderen „Kunstgeschichte“ hier entlang!

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