Sarah Moss: The Winter Guest

Es ist Oktober. Ein bisschen früh für eine Wintergeschichte. Noch dazu für eine, die an Heiligabend spielt. Aber es ist eine neue Geschichte von Sarah Moss, deren Bücher ich sehr mag. Und deswegen spielen 23 Grad auf dem Balkon beim Lesen keine Rolle. Schließlich kann die Literatur alles verwandeln, selbst einen sonnigen Spätsommernachmittag in München in einen stürmischen Winterabend an der irischen Westküste. Sarah Moss kann das jedenfalls. Ein Kammerspiel: drei Personen – der Kellner Ryan und die beiden einzigen Gäste des feinen kleinen Hotels:

„So here they are, the two of them in the dining room on Christmas Eve, and here’s Ryan, in and out; and out there on the other side of the glass, is midwinter, is wind unbroken from Greenland, is darkness and chaotic snow, waves beaten white and flying foam.

Lord have mercy on the birds.”

Man könnte eine Kriminalgeschichte nach dem Locked-Room-Mystery-Prinzip vermuten und am Anfang deutet einiges darauf hin. Eine alte, etwas schrullige englische Witwe verbringt Weihnachten hier, weil sie weder ihren Sohn samt seiner Schwiegereltern sehen, noch nach Australien reisen will, um ihre Tochter zu besuchen. Ein Freund hat ihr zu diesem besonderen Hotel geraten. Eigentlich wollte sie den Abend mit einem Bad, einem Buch und einer Bloody Mary vor dem offenen Kamin verbringen. Stattdessen schlägt ihr der andere Wintergast, ein gepflegter und wohlgenährter Herr, vor, den Abend miteinander zu verbringen. Er ist nach vielen Jahren aus London zurückgekehrt, um in der Nähe seine todkranke Mutter ein letztes Mal zu sehen. Der Kellner steht auf Ruf- und Horchposition. Sehr viel mehr von der Handlung will ich auch nicht verraten. Die Novelle ist nur 120 Seiten lang und besteht im Wesentlichen aus den Unterhaltungen der beiden Gäste. Die haben es allerdings in sich. Der erste Satz lautet:

„Tell me, she says, the worst thing you’ve ever done. Bloody hell, Ryan thinks, some opening line for an old bird.”

Seine Antwort:

“Oh now, Gerry says, I’d have to kill you, if I told you that.”

Man einigt sich auf gegenseitiges Erzählen. Hm. Was könnte da alles passieren?

Sarah Moss erzählt die Geschichte mit viel englischer Ironie und mit einem Menü, mit dem ich auch einverstanden wäre:

Hafer-Blinis mit frischem Ziegenkäse und geräucherter Forelle aus der Region, belegt mit gerösteten Algen und garniert mit Kräutern aus dem eigenen Gewächshaus, eine Bouillon mit heimischen Pilzen und Gerstenkörnern, garniert mit knusprig gebratenem Salbei, danach eine Platte mit verschiedenen Meeresfrüchten, als Beilage irisches Soda-Brot und in Röllchen servierte Butter, dann Hirschfilet auf einer Portweinreduktion, Cranberrys, Pilz-Duxelles, Hasselback-Kartoffeln und gebutterter Spinat. Für die Dame, die zu viele Austern gegessen hat, stattdessen ein Salat von Fenchel, Brunnenkresse und Orangen, getoppt mit zerstoßenen Haselnüssen und Kürbiskernen. Als Dessert steht zur Wahl Bergamotte-Sorbet mit Crème de Cassis und mit Zitronengras aromatisierter Ziegenjoghurt aus der Region oder Schoko-Bombe mit Brombeergelee (natürlich aus der Region) und heißer Mokkasauce. Jeweils passender Wein, Wasser. Petit Fours, Shortbread und Whiskey als Abschluss im Salon.

All das mit leichten Roald-Dahl-Vibes, aber nicht ganz so böse. Die Gerry-Figur hätte noch mehr Ausbau vertragen. Aber das ist nur ein kleines Minus für eine Story, die einen Nachmittag lang bestens unterhält und sich auch vorzüglich als Weihnachtsgeschenk eignet.

Erschienen 2026 bei Picador. Noch nicht ins Deutsche übersetzt.

Stillleben: Bert Berger

Für längere Geschichten von Sarah Moss hier entlang.

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